Fürst Myschkin, der Idiot

Fjodor Michailowitsch Dostojewski
Einer der vier großen Romane Dostojewskis (* 11. November 1821 in Moskau; † 9. Februar 1881 in St. Petersburg). Der Idiot als der Grundfromme, der Einfältige, an dem sich zwei wunderbare Frauen zugrunderichten, weil es ihm um das "ganz Andere" zu tun ist. Wichtiger als die Liebeskonflikte: die Frage nach dem Göttlichen im Menschen.
Fürst Myschkin, eben mit 27 Jahren aus der Schweizer Heilanstalt entlassen, kommt nach Petersburg. Er wird am Jahresende als unheilbar in die russische Hauptstadt zurückgebracht.
Einfalt und Hellsicht eines Kindes zeichnen ihn aus, im Vertrauen auf das Göttlich-Gute im Menschen.
Sein Ehrgefühl zielt allein auf die Gottesehre: selbstlos, jedes Leid mitleiden. Darum entscheidet er sich zwischen den Frauen für Natascha, schuldlos Verführte, die maßlos unter der Schande leidet. Er opfert so die Frau, die er Liebt: Aglaja, die Dame der großen Welt, ein reiner Diamant in ihrer Wahrheitsliebe, angelegt zum Besten, und vollendet schön. Der Fürst glaubt, Aglaja müsste seine Wahl verstehen.
Doch im Streit um den Heiligen verwandeln sich beide Frauen in rasende Dämonen, die sich tödlich beleidigen. Darum erträgt Aglaja des Fürsten Myschkin Schweigen keinen Augenblick. Das Tor des Schicksals ist zugeschlagen.
Die Handlung verstrickt sich dadurch, dass Natascha des Fürsten Hand ausschlägt, gerade weil sie die Reinheit seines Gefühls spürt, das sie nicht zerstören will. (Sie hielt bei dir ihre eigene Liebe zu dir nicht mehr aus.")
Zwischen Natascha und den Fürsten Myschkin schiebt sich Rogoschin, der Dämon, dessen Freundschaft mit dem Heiligen doppelt seinen Dämonen ausliefert: er hätte den Fürsten erschlagen, wenn er nicht seinen epileptischen Anfall bekommen hätte. Später wird er Natascha ermorden, weil sie den Fürsten tiefer liebt.
Schwer fällt es zu begreifen, warum der Fürst sich erneut bereit erklärt, Natascha zu heiraten; eine Fraue, die er für wahnsinnig halten muss; warum er Aglaja opfert. Das Opfer ist vergebene Liebesmüh: am Hochzeitstag entläuft ihm Natascha zu Rogoschin, der sie ermordet. An ihrer Leiche vollzieht sich die letzte Begegnung mit Rogoschin: als Brüder, Leidensgefährten, verbringen sie die Nacht. Am Morgen ist der Fürst wieder in den Idiotenzustand zurückgesunken.
Was bleibt? Nur der Schreck vor dem ganz Anderen, der die Menschen aus dem Geleise wirft, das Tremendum.
Der Roman weitet sich zum Weltbild der russischen Seele. Das rätselhaft Heilige ist als russische Erscheinungsform zu begreifen. Ein Gewebe aus vielen Fäden. Pawlowitsch erklärt den Fürsten aus dem demokratischen Zeitgeist: "aus gedankliche Begeisterung" für die ohne Schuld Gefallene. Die Neigung nach unten zum Bodensatz des Daseins. Darum erzählt man sich in Nataschas Salon Geschichten der gemeinsten Handlungen, die je einer begangen.
Diesem Grundzug entspricht auch der wüste Angriff der Jugend auf den Fürsten, und die schier unerträgliche Geduld, mit der er sie anhört. Dazu gehört die zynische Schamlosigkeit in Hippoliths Bekenntnis und sein Traum vom scorpionartigen Rieseninsekt (Kafka ist dadurch vorweggenommen).
Allem begegnet der Fürst mit einer demütigen Einfalt, von der er jedoch selber sagt, dass sie "ohne Maß" sei, ohne Maß im Verbrauch mitleidender Liebe. Dabei ist der Fürst selbst wie ein Sprengkörper in der Gesellschaft: sein Bannfluch gegen die katholische Kirche als reines Macht-Organ, das die reine Lehre Christi verfälsche. Und so predigt er die Erneuerung aus dem russischen Christus, aus der Glaubensgeduld des russischen Volkes, "ein treuer, weiser und frommer Riese."
Ein Blick in mystische Tiefe. Mit der Hellsicht des Fürsten, dass die Zeit der Einfalt vorbei sei: "Damals waren die Menschen mit nur einer Idee, jetzt sind sie viel problematischer, komplizierter, sensitiver, sind Menschen mit zwei, drei Ideen zu gleicher Zeit."
Tragische Gefährdung der Lebensmitte im demokratischen Zeitalter. Und so tröstet der Heilige nicht, weckt nur einen Seelenbrand, der das Dämonische zerstörerisch steigert: Natascha rischtet sich selbst und den Fürsten zugrunde; Rogoschin wird zum Mörder; wird er nach 16 Jahren Zuchthaus ein Gottesknecht sein? Aglaja empfeängt eine Lebenswunde, die ihr Lebengleichgewicht für immer zerstört.
Myschkin, das Genie der Reinheit, scheitert an dem schmutzigen Genius der Innewohner der Welt. Jesus, das Genie der Reinheit, der Dumme, der Schwachsinnig-Naive, ein Versager, scheitert am Haufen der pragmatischen Innewohner der Welt, die in ihrer Arroganz niemals das Reine und Wahre erkennt, sondern nur zum Sünden bereuen befähigt ist, nicht zur Vermeidung ihrer.
Quelle: Lexikon der Weltliteratur, Band 2/F-M, Pattloch Verlag, Augsburg
